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Der Prozess (Franz Kafka)

Christian Gall
29. November 2009 11:18 Uhr
156 Kommentare
"Kafka? Ach, der Langweiler aus dem Deutschunterricht..." – Die nachfolgende Rezension soll einen Eindruck vermitteln, warum es lohnenswert sein könnte sich privat mit dem Schaffen Franz Kafkas auseinanderzusetzen – fernab irgendwelcher Lehrpläne. Im Blickpunkt steht sein Werk "Der Prozess".
"Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet."

Man kommt sich als Rezensent von Franz Kafkas "Der Prozess" beinahe etwas unkreativ vor, wenn man die Besprechung mit dem Zitieren des ersten Satzes des Werkes beginnt. Dieser Anfang ist aber insofern außergewöhnlich, als es ihm gelingt, mithilfe von 19 Wörtern sofort die Richtung vorzugeben. Kafka hält sich nicht erst damit auf beliebige Einleitungssätze zu formulieren, sondern umreißt unmittelbar kurz und bündig den gesamten Plot seines Romans.



Genau genommen handelt es sich bei "Der Prozess" nicht um einen Roman, sondern vielmehr um ein Romanfragment, welches zu weiten Teilen in den Jahren 1914 und 1915 verfasst, jedoch nicht mehr vollendet wurde. Im Gegensatz zu Kafkas weiteren Romanfragmenten, "Das Schloss" und "Der Verschollene", besitzt jenes Werk allerdings sowohl Anfang und Ende, da der Autor die einzelnen Kapitel nicht chronologisch niederschrieb. Sein Mentor Max Brod vertrat gar die Ansicht, man könne das Werk als Roman bezeichnen, da nichts Wesentliches fehle.
Obgleich Kafkas letzter Wille vorsah unter anderem auch seine Aufzeichnungen zu "Der Prozess" zu vernichten, veröffentlichte Max Brod das Buch im Jahre 1925 – ein Jahr nach dem Tod des Autors im Alter von 40 Jahren. Brod galt als einer der größten Bewunderer von Kafkas Schaffen, weswegen er es nicht verantworten konnte die literarischen Großtaten seines Freundes vor der Öffentlichkeit zu verbergen. Diese Entscheidung wird heute gemeinhin als die einzig richtige eingestuft, da Kafka mit seinem „Oeuvre“ einen entscheidenden Einfluss auf die Literatur des 20. Jahrhunderts ausübte.

Noch zu Lebzeiten Kafkas wurde die Parabel "Vor dem Gesetz" im Jahre 1915 veröffentlicht. Sie erzählt die Geschichte eines Mannes vom Lande, der Eintritt zum Gesetz erlangen will. Das Tor zum Gesetz wird jedoch von mehreren Türhütern versperrt. Der unterste jener Wächter teilt dem einfachen Manne mit, dass der Eintritt möglich sei, jedoch nicht zu diesem Zeitpunkt. Dies hat ein jahrelanges Warten des Mannes zur Folge, ohne dass ihm der Eintritt gewährt wird. Auch Bestechungsversuche verfehlen ihr Ziel. Schließlich bittet er sogar die Flöhe im Pelzkragen des Türhüters um Hilfe. Sein ganzes Leben lang verharrt er in Gegenwart des untersten Wächters, ohne einen weiteren Gedanken an die höheren Türhüter, die noch folgen würden, zu verschwenden. Als der einfache Mann seinen Tod vor Augen hat, stellt er dem Türhüter eine letzte Frage: "Alle streben nach dem Gesetz [...] wieso kommt es dann, dass in den vielen Jahren niemand außer mir Einlass verlangt hat?", woraufhin dieser nur meint, dass niemand sonst Einlass hätte erhalten können, da der Eingang einzig und allein für den Mann bestimmt gewesen sei. Die Parabel endet nun damit, dass der Türhüter ankündigt, sein Tor zu schließen.

Franz Kafka [* 3. Juli 1883 - † 3. Juni 1924]

"Vor dem Gesetz" funktioniert einerseits als eigenständiges Werk, ist andererseits jedoch auch ein essenzielles Element von "Der Prozess". Obwohl Josef K. zu Beginn der Handlung verhaftet wurde, wird es ihm erlaubt sich auch weiterhin frei zu bewegen. Von nun an ist er darauf erpicht hinter den Grund seiner Verhaftung zu kommen. Dabei verirrt sich der Protagonist zunehmend in einem Labyrinth: Das Gericht bzw. das Gesetz scheint ungreifbar zu sein. Trotz der Hilfeleistung einiger Personen gelingt es Josef K. nicht, zur Erkenntnis zu kommen.
Seinen Höhepunkt findet der Plot im vorletzten Kapitel "Im Dom". Hier begegnet K. einem Geistlichen, der sich ihm als Gefängniskaplan vorstellt. Von diesem bekommt er schließlich die Türhüterparabel erzählt. An dieser Stelle der Handlung wird dem Protagonisten im Prinzip die Antwort auf seine Fragen gegeben, doch er erkennt nicht die Parallelen zwischen dem Verhalten des Mannes vom Lande und seinem eigenen. "Das Gericht nimmt dich auf, wenn du kommst und entlässt dich, wenn du gehst", so die rätselhaften letzten Worte des Geistlichen, welche die Frage aufwerfen, ob K. sich dem Gericht trotz seiner Verhaftung problemlos hätte entziehen können, indem er sein normales Leben weitergeführt hätte.
"Du missverstehst die Tatsachen [...] das Urteil kommt nicht mit einemmal, das Verfahren geht allmählich ins Urteil über." – Der Geistliche soll Recht behalten: Die Bestrafung des Protagonisten schließt sich im letzten Kapitel an; dieser nimmt es letztendlich teilnahmslos hin. Die Schuldfrage ist nicht geklärt, der Prozess von Josef K. jedoch zu seinen Ungunsten beendet.
Orson Welles verfilmte das Werk adäquat mit Anthony Perkins in der Hauptrolle.

"Der Prozess" ist ein Werk, mit dem sich noch viele nachfolgende Generationen auseinandersetzen werden. Der Gerichtsprozess selbst fungiert bloß als Mittel zum Zweck. Es ist nebensächlich, ob Josef K. schuldig ist oder nicht – im Zentrum stehen andere Dinge, die der Interpretation des Einzelnen überlassen bleiben. Oberflächlich betrachtet, kann man "Der Prozess" als reine Kritik an der Bürokratie verstehen. Eine Deutung in diese Richtung ist folgerichtig wie logisch, würde jedoch die Vielschichtigkeit des Werkes fatalerweise untergraben. Es ist ebenso trivial, eine Erklärung einzig und allein im Vater-Sohn-Konflikt des Autors ("Brief an den Vater") zu suchen: Der autoritäre Vater würde sich hierbei in Gestalt des Gerichts wiederfinden. Gleichermaßen kann man annehmen, der Prozess finde lediglich im Kopf von Josef K. statt, der sich immer weiter in Paranoia hineinsteigere. Hiermit ließen sich einige surreal anmutende Geschehnisse erklären. Bedingt durch die personale Erzählweise, erhält der Leser schließlich bloß Einblick in die Gedankenwelt des Protagonisten. Die häufige Annahme, die Interpretation eines Kafka'schen Werkes sei im Begriff "kafkaesk" zu suchen, erscheint auch bei "Der Prozess" sinnvoll: Als Leser erhält man unweigerlich den Eindruck, der Protagonist sei einer rätselhaften Bedrohung, einer Sache, die "bigger than life" wäre und an der er folglich nur scheitern könne, ausgesetzt. Die Anekdote, dass Kafka beim Vorlesen aus seinem unfertigen Werk mehrfach laut loslachen musste, lässt die Handlung aber wiederum in einem ganz anderen Licht erscheinen und wirft die Frage auf, ob eine angeblich herausgelesene "dunkle Atmosphäre" lediglich Einbildung sei und gar nicht der Intention des Autors entspreche.

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Wie dem auch sei: Was Franz Kafka mit "Der Prozess" nun wirklich zum Ausdruck bringen wollte, weiß wahrscheinlich nur er selber. Das wiederum eröffnet dem Leser die Möglichkeit, für dieses kurze, jedoch ungemein vielschichtige Buch eine Vielzahl eigener Deutungsmöglichkeiten zu entwickeln. Mit einer Rezension kann man diesem bedeutenden und gleichermaßen großartigen Werk im Prinzip kaum gerecht werden. Daher sollte man sich im Idealfall ein eigenes Bild machen. Von Kafkas Werken kann nur schlecht erzählt werden; man muss sie erleben. Für Liebhaber von anspruchsvoller Literatur ist die Lektüre von "Der Prozess" uneingeschränkt zu empfehlen. Unabhängig davon, ob man das Buch schätzt oder auch nicht, sollte man in jedem Falle zu dem Schluss kommen, etwas ganz Besonderes gelesen zu haben.

"Der Prozess" von Franz Kafka: So sehen Klassiker aus.
redakteur
21. Mai 2012 18:29 Uhr