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Lifestyle

Amok - Eine Gesellschaftskrankheit?

Konrad M.
20. Januar 2010 12:45 Uhr
427 Kommentare
Erfurt, Emsdetten, Winnenden. Drei Städte, drei Amokläufe, 33 Tote und 48 Verletzte. Eine traurige Bilanz und doch ist sie nur eine unter vielen, denn die Amokläufe in Schulen dieser Städte waren nicht die ersten und werden mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch nicht die letzten gewesen sein.
Was treibt einen jungen Menschen zu solch einer Tat? Was veranlasst ihn sich und andere mutwillig zu töten? Wie können zukünftige Bluttaten vermieden werden? - Fragen, die sich nach solch einer Tat wohl jeder schon einmal gestellt hat.

Die Erfurter Domstufen zwei Tage nach der Gedenkfeier für die Opfer des Amoklaufes im Gutenberg-Gymnasium

Begriffsdefinition "Amok"
Der Begriff "Amok" leitet sich aus dem Malaiischen "mengamuk" ab und steh für das Angreifen und Töten in blinder Wut. Diese psychische Extremsituation zeichnet sich durch Unzurechnungsfähigkeit und stark erhöhte Gewaltbereitschaft der betroffenen Person gegenüber ihrer Umwelt aus. Die heutige Verwendung des Begriffes drückt eine plötzliche, willkürliche, nicht provozierte Gewaltanwendung aus, welche mit destruktivem Verhalten bezüglich Fremdpersonen, anschließender Amnesie, Erschöpfungserscheinungen und einem potentiellen Umschlag in selbstzerstörerische Reaktionen einhergeht.

Mögliche Ursachen und Ablauf
Als Prodromalstadium bezeichnet man die Phase im Verlauf einer Krankheit, in der uncharakteristische Vorzeichen oder auch Frühsymptome, die so genannten Prodrome, auftreten.

Quelle: flexikon.doccheck
Den Beginn stellt das Prodromalstadium, oder auch Vorstadium, dar. Hier spielen vor allem der soziale Faktor und die psychische Verfassung des Täters eine Rolle. Aufgrund von schwerwiegenden traumatisierenden Ereignissen, welche auf dessen Psyche einwirken, wird hier der Grundstein für die spätere Tat gelegt. Solche Ereignisse können sehr unterschiedlicher Art sein, wie zum Beispiel der Verlust einer grundlegenden sozialen Ordnung, Diffamierung (Mobbing) und physische Misshandlung des Betroffenen durch das tägliche soziale Umfeld (Kollegen, Mitschüler, Geschwister, Eltern) oder auch chronische Erkrankungen jedweder Art. Ist die psychische Verfassung des Betroffenen ohnehin schon als labil, respektive als bedenklich einzustufen, so besteht eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, dass aus dem ehemaligen Opfer ein zukünftiger Täter wird. Nimmt man also diese Grundlage, folgt nun die zweite Phase, welche sich durch die Dekompensation des Betroffenen kennzeichnet. Das heißt, er misst den Belastungen jedweder Art, welche auf ihn einwirken, eine so große Bedeutung bei, dass selbst die banalsten Ereignisse plötzlich wie der sprichwörtliche Weltuntergang erscheinen.

Die sich nun anschließende dritte Phase ist die Phase des Rückzugs und der Isolation, in welcher eine Art gedankliche Verarbeitung der in der ersten Phase erwähnten Ereignisse stattfindet. Dies kennzeichnet sich als zumeist depressiv bis feindseliges Nachdenken über reale oder imaginäre Diffamierungen, ein mehr oder weniger sinnfreies Gedankenkreisen um immer wiederkehrende Themen, welche vor allem Drohungen, Vorwürfe (Eigen- und Fremdbezug) und Klagen sind, aber auch Sinnsprüche und Gebete enthalten können. Durch die unbemerkte Verschiebung der Bewusstseinslage, in welcher die Außenwelt schließlich entrückt dargestellt wird, der Betroffene sich also von bedrohlichen Gestalten umringt und zuweilen auch eine Rotfärbung der Umgebung sieht, kommt es letztlich zu einem massiven Furcht- und/oder Wutgefühl.

Gedenktafel zum Geschehen am 26.04.2002


Aus dieser Situation heraus kommt es schließlich zur vierten Phase, dem eigentlichen "Amok-Zustand". Dies wird auch als explosiv-homizidaler Ausbruch bezeichnet, welcher sich durch eine unkontrollierte und plötzlich auftretende Überreaktion und persistierende homizidale Handlungen ohne ersichtliches Motiv ausdrückt. Das bedeutet, dass der Betroffene umher rennt, schreit, tobt, Mensch und Tier gleichermaßen angreift, seine Opfer regelrecht zerfleischt, Gegenstände zerschlägt und alles nur Erdenkliche unternimmt, um ein Höchstmaß an Tod und Destruktion zu erreichen. Abschließend geht der Betroffene meist dazu über, seine Aggressionen gegen die eigene Person zu richten, was wiederum in Selbstverstümmelungen oder oft auch der Selbsttötung endet. Misslingt der Suizid, kommt es zur letzten Phase, der Phase der Behauptung einer Amnesie für das Geschehene. Dieses Stadium beginnt zumeist mit einem stunden- bis tagelangen schlafähnlichen bis stuporartigen Zustand, an welchen sich oft noch ein depressives Nachstadium anschließt. Bezüglich des speziellen Falles eines Amoklaufs in einer Schule gilt noch eine Ergänzung: In den seltensten Fällen kann diese Art des Amoks als blindwütige Raserei bezeichnet werden, vielmehr ist es so, dass die Täter vor ihrer eigentlichen Tat sich mit dieser oft sehr lange und intensiv auseinandergesetzt bzw. regelrecht geplant hatten (Als Hinweis hierzu dient die Erkenntnis, dass viele Opfer bewusst ausgewählt werden, was durch entsprechende "Todeslisten" belegt wird).

Das soziale Umfeld
Offensichtlich ist, dass soziale Faktoren eine entscheidende Rolle spielen, das heißt also, wer über einen längeren Zeitraum einer konstanten psychischen wie physischen Misshandlung ausgesetzt ist, oder auch einfach "nur" aus einem stark gespaltenen Elternhaus stammt, bei dem besteht eine stark erhöhte Chance auf eine extreme Eskalation, wie eben ein Amoklauf.
Doch kann dies keinesfalls als allgemeingültig angesehen werden, sondern lediglich als potentielle Verstärkungsfaktoren. Letzten Endes existiert also keine einheitliche Definition, sondern eine Art psychologisches Puzzle, bei welchem zahlreiche Faktoren zusammenspielen können – bis es schließlich zur Eskalation kommt. Zumal letztlich wohl immer ein Rest Unerklärliches zurückbleiben wird.

Prävention
Bei einer statistischen Auswertung durch A. Schmidtke, S. Schaller, I. Müller, D. Lester und S. Stack 2002 wurden Zeitungsberichte von 143 Ereignissen aus den Jahren 1993 bis 2001 ausgewertet. Dabei wiesen 7% der Täter eine psychiatrische Vorgeschichte auf.
Tatmotiv war meistens "Rache" (61%).

Quelle:wikipedia
Eine wirklich effektive und absolut sichere Prävention kann es niemals geben, denn niemand kann sagen, was letztlich der Auslöser für eine solche Tat ist. Doch es muss möglich sein, dass die Chance auf eine zukünftige Bluttat so klein wie nur möglich zu gehalten wird. Es gibt dahingehend einige durchaus sinnvolle Ansätze, deren Effektivität letztlich aber zu bezweifeln ist. Nimmt man zum Beispiel die an vielen Schulen zum Einsatz kommenden Streitschlichter, so ist das Konzept als solches natürlich in jedem Fall löblich, doch aufgrund der geführten Gespräche mit betroffenen Schülern verschiedener Schulen, also Schülern, die schon mehrfach Opfer sogenannten Mobbings waren, kommt man letztlich zu dem Fazit, dass die Möglichkeit der Zuhilfenahme eines Streitschlichters nur in den seltensten Fällen wahrgenommen wird und selbst wenn es denn getan wird, so sind die daraus resultierenden Konsequenzen für die beteiligten Parteien in den meisten Fällen eher als schwach einzustufen, das heißt, dass es entweder gar keine Verhaltensänderung gegenüber der Täter und dem Opfer gibt, oder nur schwach und diese hält zumeist nicht lange vor. Es kann jedoch auch zu einer massiven Verschlechterung der ohnehin schon sehr angespannten Gesamtsituation kommen, da vor allem Jugendliche oft ein Problem mit Autoritäten haben und somit durch eine Trotzreaktion das Gegenteilige dessen, was die ursprüngliche Intention des Streitschlichters war, eintritt.

Andere Untersuchungen wie die Auswertung von 30 nordamerikanischen Amokläufen von Hempel, Meloy & Richards (1999) gehen von einem Täteranteil von 40 bis 67 Prozent mit psychotischen Symptomen aus, wovon die meisten unter paranoiden Wahnvorstellungen litten.

Quelle: wikipedia
Das gleiche Problem gibt es bei einem Schulpsychologen, respektive Beratungslehrer. Das Angebot als solches ist zwar existent, jedoch wird es eben nur sehr selten wahrgenommen und erreicht damit eine nicht zufriedenstellende Effektivität. Und genau hier sollte angesetzt werden, es muss versucht werden, dass eine Änderung der Denkstruktur der Betroffenen erreicht wird, dass sie wirklich davon überzeugt sind, dass die zur Verfügung stehenden Angebote ihnen auch wirklich bei ihren Problemen behilflich sein können. Es ist wichtig, dass die Attraktivität dieser Angebote enorm gesteigert wird, um auch wirklich etwas erreichen zu können. Sei es, dass in jedem Jahrgang unregelmäßige Pflichtveranstaltungen zur Gewaltprävention durchgeführt werden, indem die Schüler nicht nur durch passives Zuhören mit dem Thema zur Auseinandersetzung kommen, sondern durch aktive Mitgestaltung. So kann viel eher ein direkter Bezug zu eben dieser Thematik entstehen, als wenn diese nur durch eher trockene Theorie vermittelt wird oder anderweitige Möglichkeiten gefunden werden, die Schüler mit dem Thema der Gewalt auf eine Art vertraut zu machen, sodass diese freiwillig eher nach gewaltlosen Möglichkeiten der Konfliktlösung suchen.

Adler et al. hatten 1993 ebenfalls aus Presseberichten von 196 Fällen eine Quote von 55 Prozent psychisch erkrankter Täter ermittelt, wovon 27,8 % an Psychosen, 9,3 % an Wahnerkrankungen, 26,9 % an schweren Persönlichkeitsstörungen, 25,9 % unter Intoxikationen und 10,2 % an Affektstörungen litten.

Quelle: wikipedia

Weiterhin sollten Lehrer dazu angehalten werden, ihrem pädagogischen Lehrauftrag auch wirklich nachzukommen und entsprechend zu reagieren, wenn Probleme an sie herangetragen werden. Denn allein die Tatsache, dass ein Schüler sich überwindet und einen Lehrer auf seine Probleme mit Mitschülern anspricht, zeugt von einem großen Vertrauen in den Lehrer als Autoritätsperson und als einen Menschen, der in der Lage ist zu helfen und diese Situation friedlich zu bereinigen. Natürlich ist das auch für einen Lehrer schwierig zu bewerkstelligen, doch es muss zumindest der Versuch unternommen werden und, falls sich keine Besserung feststellen lässt, über Alternativen nachgedacht werden.

Was bleibt also?
Man kann Geschichten schreiben, psychologische Profile erstellen, Ursachenforschung betreiben, Präventionsmaßnahmen ergreifen und stundenlange Diskussionen über den Sinn oder Unsinn dieser Taten führen, doch letzten Endes wird man nie mit absoluter Sicherheit sagen können, was bei einem einzelnen Täter nun genau dazu geführt hat, dass dieser sich entschließt, seinem Leid auf diese grausame Art und Weise ein Ende zu setzen. Man kann es auch nicht so einfach erkennen, wie das einige vielleicht glauben mögen, denn wenn ein Mensch sich dazu entschließt, seiner Umwelt nur das von sich mitzuteilen, was er persönlich auch wirklich will, dann kann ihn nichts und niemand davon abhalten. Ein nach außen hin durch und durch optimistischer Mensch, kann innerlich ein emotionales Wrack sein, welches an schwersten Depressionen leidet und doch weiß niemand von dieser Begebenheit, weil der Mensch sich eben dazu entschlossen hat, diesen Teil seines Charakters nicht preiszugeben. Somit ist es also unmöglich, Prognosen dahingehend zu treffen, wer wann wie und warum Amok laufen wird, denn was ein Mensch wirklich fühlt, weiß nur er ganz allein und, solange er niemanden darin einweiht, bleibt das auch so.

umfrage

Doch was kann man diesen Bluttaten entnehmen? Was kann man aus ihnen schließen und wie lassen sie sich interpretieren? Sind sie der letzte verzweifelte Schrei derjenigen, die in dieser Gesellschaft, diesem System, zugrunde gehen und niemand bemerkt es? Halten sie uns einen Spiegel vor Augen, um zu zeigen, wie krank diese Gesellschaft in Wirklichkeit ist? Was läuft falsch, wenn Jugendliche solche Wahnsinnstaten verüben müssen, als letztes Mittel, um sich Gehör zu verschaffen?

In dem Film "Con Air" gibt es ein interessantes Zitat: "Den Grad an Zivilisation einer Gesellschaft kann man am Zustand ihrer Gefangenen beurteilen."
Man kann dieses Zitat jedoch auch ein wenig abwandeln: "Den Grad an Zivilisation einer Gesellschaft kann man an der Anzahl derer beurteilen, die sich aus Verzweiflung gegen diese Gesellschaft wenden und dabei über sich und andere richten."
Bildquelle: © commons.wikimedia.org / Nyki m.
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21. Mai 2012 18:08 Uhr