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Kino

"Up in the Air" mit George Clooney

Michael Reinartz
7. Februar 2010 19:52 Uhr
45 Kommentare
Sein Job ist es, Mitarbeitern den Rauswurf so angenehm wie möglich zu machen: Ryan Bingham reist quer durch die USA, über 300 Tage im Jahr. Er nennt die Flughäfen sein Zuhause und Automatismen beherrschen seinen Alltag. „Up in the Air“ ist eine mobile Tragikomödie um einen ungebundenen Geschäftsmann.
Normalerweise sollte man Ryan Bingham (George Clooney) nicht um seinen Job beneiden: Wöchentlich setzt er mehrere hundert Arbeitnehmer verschiedenster Firmen auf die Straße und ist dafür im Auftrag seiner Firma an 322 Tagen im Jahr per Flugzeug unterwegs. Ihm gibt diese Aufgabe jedoch die Freiheit von seiner Umgebung, die er benötigt. In jedem Rauswurf entdeckt er für die Betroffenen die Chance, einen Neuanfang zu erleben und ihre Lebensträume zu verwirklichen, die sie selbst schon lange aus Sicherheit über Bord geworfen hatten. Der Mittvierziger Ryan hat sich schon lange von seiner Familie abgenabelt und führt ein luxuriöses Leben zwischen der Business Class im Flugzeug und Penthouse Suiten im Hilton – alles auf Kosten seiner Firma, die durch den „Rauswurf-Service“, den sie den Managern anderer Unternehmen anbietet, profitiert.

Ryan (l.) führt die junge Natalie ins harte Businessleben ein


Erst als der unabhängige Ryan die smarte Managerin Alex (Vera Farmiga) kennen lernt und mit ihr eine schnelllebige Affäre beginnt, erkennt er langsam, dass Fliegen nicht alles sein kann. Gleichzeitig versucht die junge, aber unerfahrene Natalie (Anna Kendrick) Ryans Chef davon zu überzeugen, dass die Zeit des „persönlichen“ Rauswurfs vorbei sind. Stattdessen sollen Ryan und die anderen ab sofort die Menschen per Videokonferenz auf die Straße setzen, um die Firma noch profitabler zu gestalten. Dies ist Ryan ein Graus: Einerseits glaubt er so den persönlichen Kontakt zu den Betroffenen zu verlieren, anderseits würde er so den Rest seines Lebens hinter dem Schreibtisch verbringen. Zusammen mit Natalie begibt er sich auf seine vermeintlich letzte Arbeitsreise, um dem Grünschnabel die harte Realität zu zeigen, die nicht auf einen Computermonitor passt. Doch gerade, als Ryan langsam seine lange gepflegten Automatismen fallen lässt, gerät sein Leben vollends aus der Bahn.

Endlich am Ziel? Vielflieger Ryan und Alex (r.) kommen sich näher


Up in the Air wird als Komödie beworben – falsch! Wer hier seichte Kost erwartet, ist eindeutig fehl am Platze, denn bei den Witzen handelt es sich nicht um offensichtliche Schenkelklopfer, sondern um tiefgründigen, schwarzen Humor. Eher ist der neuste Film des Juno-Regisseurs Jason Reitman eine klassische Tragödie, der den Fall eines Geschäftsmanns darstellt. Genau in dem Punkt, an dem sich der reservierte Ryan von seinem Leben trennt, das sich nur noch aus der Zahl seiner goldenen Kundenkarten definiert, verfällt sein Leben wieder in die alte Bahn, und er merkt: Auch die sagenumwobene Bonusmeilen-Grenze von 10 Mio. Meilen machen einen Menschen nicht glücklich.

Jason Reitman ist wieder ein ganz großer Wurf gelungen: Mit George Clooney in der sympathischen Hauptrolle bringt er eine durchweg interessante Welt auf die Leinwand. Zwischen aktueller Wirtschaftskrise und Massenentlassungen bringt er den Hauptdarsteller konsequent in Situationen, die den schnelllebigen und unabhängigen Lebensstil kritisieren und letztendlich zu Fall bringen. Das fehlende Weichspül-Happy-End hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack, der zu einer deutlichen Rüge des amerikanischen Systems wird und zu Recht für sechs Oscars nominiert ist.
Bildquelle: © Paramount Pictures
4. Februar 2012 18:39 Uhr