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Kino

Oben

Michael Reinartz
6. September 2009 21:54 Uhr
121 Kommentare
Der neuste Geniestreich des Animationsstudios Pixar führt einen abenteuerlustigen Rentner und einen unerfahrenen Pfadfinder auf eine Reise nach "Oben". In Südamerika trifft das undynamische Duo auf seltene Tiere, sprechende Hunde und einen egomanischen Abenteurer.
Als kleiner Junge schwärmte Carl Frederickson von einem abenteuerlichen Leben im fernen Südamerika – ganz wie sein großes Vorbild Charles Muntz, den er als größten Abenteurer aller Zeiten verehrt. In Nachspielen seiner Geschichten lernt Carl die ebenso junge Ellie kennen, die es genau wie ihn in die spannende Ferne zieht. Die beiden gründen einen Geheimclub und werden beste Freunde. Im Laufe der Jahre verlieben die Beiden sich, heiraten und ziehen sogar in das Abenteuerhaus ihrer kindlichen Fantasiegeschichten ein. Jedoch verlieren sie nie ihren Kindheitstraum aus den Augen: Einmal zu den geheimnisvollen Paradiesfällen reisen.

Sechzig Jahre später: Aus finanziellen Gründen konnten Carl und Ellie ihren Traum nie gemeinsam erfüllen. Als dann Ellie nach kurzer Krankheit stirbt, verliert Carl völlig den Boden unter den Füßen. Der vorher lebensfrohe Rentner verliert sein Ziel aus den Augen – und soll prompt in eine Altersresidenz abgeschoben werden. Carl entkommt den Problemen durch zigtausend Ballons, die er an das Dach seines Hauses angebracht hat und so in den Himmel aufsteigt, den Blick Richtung Süden, zu den Paradiesfällen, um Ellie die letzte Ehre zu erweisen.

Da staunt Carl (r.) nicht schlecht: Ein blinder Passagier!

Mit an Bord ist der tollpatschige und unerfahrene Pfadfinder Russel, der sich ahnungslos auf der Veranda des Hauses befand, als es los flog. Das ungleiche Duo schafft trotz Stürmen und Meinungsdifferenzen die beschwerliche Reise nach Südamerika. Dort angekommen, lernen sie den seltenen Paradiesvogel Kevin und den treu-doofen Hund Dug, der durch eine Apparatur seines Herrchens reden kann, kennen. Auch der verschollen geglaubte Charles Muntz befindet sich dort – jedoch mit weitaus bösartigeren Motiven als Carl und Russel dem intelligenten Senioren und sein Rudel sprechender Hunde zunächst zutrauen.

Pixar wagt sich nach dem durchschlagenden Erfolg von „Wall-E“ im letzten Jahr an eine völlig neue Thematik. Die Geschichte rund um den Rentner Carl und sein nerv tötendes Anhängsel Russel ist gewagt und hebt sich von den Protagonisten bisheriger Animationsfilme aus dem gleichen Hause deutlich ab. Natürlich heißt das: „Oben“ ist kein zweiter „Findet Nemo“ oder „Cars“, sondern schlägt in eine etwas erwachsenere Kerbe. Carl ist kein unerfahrener Jungspund, sondern eine gestandene Persönlichkeit mit Ecken und Kanten – was jedoch nicht heißt, dass er sich nicht im Laufe des Filmes entwickelt.


Carl trifft neue Freunde - wie den Vogel Kevin und den Hund Dug

Bemerkenswert ist auch die sensible Einarbeitung des Themas „Tod“ in ein kindergerechtes Format, das auch Erwachsene bewegt. Ellies Tod als Triebfeder für Carls Reise ist nicht nur der Beginn des fantasievollen Abenteuers, sondern dient auch der Hauptfigur im Verlauf des Filmes als Kraftquelle zur Rettung seiner neuen Freunde. Trotz all der ernsthaften Themen ist „Oben“ auf dem witzigen Niveau, das man von Pixar gewohnt ist. Situationskomik und Dialogwitze wechseln sich in regelmäßigen Abständen ab und sprechen sowohl das junge als auch das ältere Publikum an.

Insgesamt handelt es sich bei „Oben“ um den wohl emotionalsten Film des Studios bisher, ohne dabei kitschig zu werden. Trotz des comichaften Stils des Films ist eine deutliche Entwicklung der Pixar-Animationsfilme zu tiefgründigen Themen zu erkennen. Somit handelt es sich bei „Oben“ auch weniger um einen Kinderfilm als um einen Film für die ganze Familie, der jedoch für die jüngsten Zuschauer kaum zu verstehen ist, da ihnen die nötige Lebenserfahrung für das volle Verständnis des Filmes fehlen wird.
Bildquelle: © Disney Pictures
21. Mai 2012 17:24 Uhr