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Kino

District 9: Geburt eines Klassikers?

Anna Bell
7. Oktober 2009 20:02 Uhr
141 Kommentare
District 9 dürfte einer der wichtigsten und innovativsten Filme des Kinojahres 2009 gewesen sein. Produziert wurde dieser US-amerikanische Science-Fiction-Film von Peter Jackson. Regie führte der in Johannesburg geborene Südafrikaner Neill Blomkamp.
Rahmenhandlung:
Geografischer Rahmen des Films ist Johannesburg, wo ein Raumschiff im Jahre 1982 über der Stadt zum Stehen kommt und regungslos verharrt. Zur großen Verwunderung der Bewohner von Johannesburg passiert in den ersten drei Monaten nach der Ankunft des Schiffes rein gar nichts. Die außerirdischen Schiffsinsassen verlassen ihr Vehikel nicht und eine Kontaktaufnahme gelingt nicht. Niemand kann sich erklären, warum das Raumschiff über Johannesburg schwebt oder was deren Insassen wollen. Also beschließt die Regierung, mit Gewalt in das Schiff einzudringen, um herauszufinden, was dort los ist.
Die Einsatztruppe findet im Inneren des Raumschiffs etwa eine Million insektenähnliche Aliens, die einen äußerst geschwächten Eindruck machen. Da sich die Menschheit zunächst nicht anders zu helfen weiß, steckt sie die Aliens in ein mehr oder weniger improvisiert wirkendes Flüchtlingslager: District 9. Schnell entwickeln sich in diesem Lager Ghetto-ähnliche Verhältnisse und der gesamte Bezirk verslumt.
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts kümmert sich schließlich ein eigens zu diesem Zweck gegründetes privates Security- und Militärunternehmen namens MNU (Multinational United) um die Überwachung der sich vermehrenden Aliens.
Die Bewohner der Stadt wenden sich währenddessen zusehends gegen die extra-terrestrischen Mitbewohner und die Situation droht zu eskalieren. MNU plant daher eine groß angelegte Umsiedlung des gesamten District 9 in die Peripherie von Johannesburg. Im Rahmen dieser Umsiedlungsaktion kommt Wikus, MNU-Mitarbeiter und Protagonist des Films, mit einer seltsamen Flüssigkeit in Kontakt, die er in der Hütte eines Aliens findet. Infolgedessen setzt ein Transformationsprozess ein, der ihn schrittweise in einen Alien zu verwandeln droht. Parallel dazu kommt heraus, dass MNU eigentlich viel mehr an der äußerst effektiven, fremdartigen Waffentechnologie der Außerirdischen interessiert ist als an deren Wohlergehen. Diese Alien-Waffen funktionieren allerdings biogenetisch, das heißt sie feuern nur, wenn sie von Lebewesen mit der entsprechenden Alien-DNS bedient werden. Durch diese Tatsache wird Wikus, der Alien-Mensch-Zwitter, plötzlich zum meistgesuchten und „wertvollsten“ Mann der Nation…


Stilelemente:
Der gesamte Film ist im Stil einer Dokumentation gedreht. Man hat als Zuschauer den - unter anderem stark durch die Kameraführung erweckten - Eindruck, Zeuge eines Live-Berichtes oder einer Art „Reality-Soap“ zu sein. Die Schauspieler sprechen immer wieder direkt in die (wacklige) Kamera, was den Effekt einer interviewartigen Augenzeugen-Szenerie weiter verstärkt. Die verwendeten trashigen Techniken parodieren gekonnt das in unseren Kulturkreisen allgegenwärtige „Sei-mit-dabei-Fernsehen“, bei dem das Publikum stets live und in Farbe dabei ist beim großen Debakel und sich voller Wonne einen schrecklich-schönen Schauer den Rücken herunter laufen lässt.
Farblich ist der gesamte Film gräulich-duster gehalten und die gesamte Ästhetik spiegelt eine industriell ausgerichtete Puristik wider. Auf diese Weise versucht der Film, nicht zum klassischen Science-Fiction-Spektakel zu werden, sondern etwas völlig Neuartiges zu wagen, in der Hoffnung, trotzdem massentauglich beziehungsweise Blockbuster-fähig zu sein.
Sicherlich wirft "District 9" dadurch auch ein neues, anderes Licht auf die allgemeinbekannten Genre-Klassiker von „Alien“ über „Terminator“ bis hin zu „E.T.“.




Gesellschaftliche Fragen und Hintergründe:
Die größte Stärke des Films ist vielleicht auch seine größte Schwäche: die Vielzahl angerissener, sehr ernsthafter Themen, von denen eigentlich jedes einzelne mehr als einen eigenständigen Film für eine halbwegs befriedigende Annäherung nötig hätte.
So nimmt Blomkamp beispielsweise Bezug auf die (spezifisch südafrikanische) Geschichte der Apartheid, auf die Hetzjagden und Unruhen, die 2008 in Johannesburg stattgefunden haben, auf diverse Ghettos, die Menschen im Verlauf der Geschichte für Minderheiten errichtet haben, auf Deportationen in den unterschiedlichsten Kontexten, auf das größte US-amerikanische private Sicherheits- und Militärunternehmen Blackwater, auf große Fragen wie die nach Liebe oder Familie und schließlich auf den Kurzfilm „Alive in Joburg“ aus dem Jahre 2005. Mit Sicherheit gibt es noch eine Vielzahl weiterer Themenkomplexe, die man in "District 9" verarbeitet finden kann und diese Aufzählung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
Bildquelle: © Sony Pictures
autor
17. Mai 2012 23:44 Uhr